15Januar2014

Netzwerke für die Wettbewerbsfähigkeit – Chemieparks in Deutschland

Chemieparks sind ein Beispiel für erfolgreichen Strukturwandel. Die Öffnung der früher oft von einem Unternehmen betriebenen Standorte für neue Investoren und den freien Markt hat entscheidend zur Attraktivität des Chemiestandorts Deutschland beigetragen. Chemieparks zeichnen sich aus durch ein überzeugendes Gesamtpaket aus passgenauen Dienstleistungen, durch moderne Infrastruktur und durch Vernetzung der Unternehmen im Stoffverbund.

Die Geschichte der chemischen Industrie ist in Deutschland von Erfolgen, aber auch von Umbrüchen gekennzeichnet. So kam es 1997 mit der Umstrukturierung der Hoechst AG zur Gründung der ersten Chemieparks in Gendorf, Höchst, Knapsack und Wiesbaden. Das Modell hat schnell Schule gemacht – auch andere Konzerne wie die Bayer AG haben ihre traditionellen Werke in moderne Vielfirmenstandorte umgebaut. Die Gründe für den Erfolg liegen auf der Hand: Der Chemiepark schafft ein mehrdimensionales Netzwerk, in dem Spezialisten ihre Stärken ausspielen und sich entfalten können. Unternehmen konzentrieren sich auf Kernkompetenzen, weil unterstützende Services im Rahmen einer Grundversorgung und nach Bedarf bezogen werden. Dabei handelt es sich auch um Dienste, die eine Firma allein nicht wirtschaftlich erbringen kann. Wer in einem Chemiepark investiert, wird Teil eines Marktes, in dem die Schnittstellen nach innen und nach außen so einfach wie möglich gehalten sind.

 

Für Erweiterungen, neue Betriebe und Umsiedlungen

Dabei richtet sich das Konzept an alle Wertschöpfungsstufen rund um die chemische Industrie, angefangen beim Rohstoffproduzenten – etwa der Fein- und Spezialchemie – über Weiterverarbeiter und Veredler sowie über Produzenten von Endprodukten bis zur chemienahen Prozessindustrie und schließlich zu den Herstellern auf Basis nachwachsender Rohstoffe. Kernkunden sind Betriebe, die eine Genehmigung nach Störfallrecht brauchen – in einem städtischen Ballungsraum Europas gibt es diese für einen neuen Standort außerhalb der Chemieparks praktisch nicht mehr. Das betrifft sowohl Produktionserweiterungen als auch neue Betriebe und Umsiedlungen. Um die Chemieunternehmen herum lassen sich Handwerker und Dienstleister nieder, die von optimalen Strukturen sowie von der Nähe zum Markt und zu ihren Auftraggebern profitieren.

Die Betreibergesellschaft des Chemieparks hat die Verantwortung für den Standort und sorgt dafür, dass ein übergreifendes Regelwerk gepflegt und eingehalten wird. Dieses bezieht sich zum Beispiel sowohl auf die innere Sicherheit als auch auf das Auftreten des Standorts gegenüber Behörden, Nachbarn und der Politik. Darüber hinaus bietet der Betreiber umfassende Serviceleistungen für die ansässigen Unternehmen. Er kümmert sich zum Beispiel um Umwelt-, Brand- und Werkschutz sowie um Verfahrens- und Anlagensicherheit. Zudem bildet er Nachwuchskräfte aus und optimiert die Logistik zum Nutzen aller Unternehmen am Standort.

 

Ein enges Netz für die Ver- und Entsorgung

Vor allem die umfassende Ver- und Entsorgungsinfrastruktur in einem Chemiepark trägt wesentlich zur Wirtschaftlichkeit bei. Hierzu zählen etwa diverse Energieträger, Wasser verschiedener Qualitäten, technische Gase sowie Kälte. Der Kunde kann so auf den Bau und den Betriebsaufwand von Nebenaggregaten verzichten. Denn er nimmt die Infrastruktur nur nach seinem individuellen Bedarf in Anspruch. Das engmaschige Netz (nicht nur aus Rohrleitungen) setzt weiteres Synergiepotential frei. Auch werden alle Abfallstoffe der angesiedelten Unternehmen entsorgt oder verwertet. Hinzu kommt der Stoffverbund als große Stärke der deutschen Chemieparks: Wer die am Standort vorhandenen Rohstoffe nutzt oder ein Produkt erzeugt, das ein anderer Betrieb vor Ort abnimmt, zieht direkte Vorteile aus dem Chemiepark-Konzept. Etablierte Firmen können so noch wettbewerbsfähiger produzieren, und Start-ups verkürzen die »Time to Market«.

 

Investitionspläne kommen auf den Prüfstand

Einen großen Einspareffekt kann der Kunde bereits vor dem »Einzug« in den Chemiepark erzielen: Denn Experten des Betreibers durchleuchten auf Wunsch des Kunden jedes Investitionsvorhaben schon in der Entwicklungsphase, indem die geplanten Produkte, Prozesse und Rohstoffe sowie der grobe Anlagenplan unter die Lupe genommen werden. Aus Erfahrung weiß die Standortgesellschaft, dass oft verschiedene Nebenanlagen einkalkuliert werden, für die aber im Chemiepark aufgrund verfügbarer Services und Anlagen gar kein Bedarf besteht. In engem Dialog mit dem Kunden lässt sich so eine kostenoptimierte, auf die technischen Erfordernisse maßgeschneiderte Lösung entwickeln. Am Ende steht das Kerndesign der Anlage sowie von deren Anbindung an den Standort, für die meist weniger Platz benötigt wird und die sich in der Regel durch gegenüber dem Ursprungsentwurf geringere Bau- und Betriebskosten auszeichnen.

 

Jeder Chemiepark hat individuelle Stärken

Die über 50 Chemieparks in Deutschland differenzieren sich über zusätzliche Services, aber auch über den Stoffverbund. So offeriert beispielsweise Currenta internen und externen Kunden direkt vor Ort eine hochwertige Analytik mit vielfältigen Untersuchungsmöglichkeiten. An anderen Standorten wird diese oftmals von Firmen angeboten, die sich dort als Dienstleister angesiedelt haben. Zudem bildet Currenta eigene Nachwuchskräfte sowie Nachwuchskräfte für Partnerunternehmen im Chemiepark aus. Mit derzeit rund 2.000 jungen Menschen, die eine Tätigkeit in mehr als 20 naturwissenschaftlichen, technischen und kaufmännischen Berufen erlernen, gehört der Chemiepark-Manager und -Betreiber zu den größten Ausbildern in der Region. Generell sind Chemieparks vor allem Anziehungspunkte für Fach- sowie Nachwuchskräfte. Leverkusen hat mit dem Campus der FH Köln sogar eine Hochschule vor Ort. Darüber hinaus gibt es Unterschiede im Stoffverbund. Zu den Stärken der Chemiepark-Standorte gehören zum Beispiel innovative Werkstoffe. Wichtige Werkstoffe wie Polyurethane, Polycarbonate oder bedeutende Kautschuktypen wurden hier erfunden, und das Know-how ist nach wie vor stark. Gerade diese Kernkompetenzen sind ein unschätzbarer Wert der deutschen Chemieparks, denn sie erleichtern die Orientierung und bündeln Know-how: Currenta kann seinen Kunden nicht immer sagen, wie Aufgaben zu lösen sind, aber der Chemiepark-Manager weiß in der Regel genau, mit wem der Kunde am besten in den und um die drei Standorte Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen reden sollte.

 

Planungssicherheit und Unterstützung im Anlagenumfeld

Der Wettbewerb und die Differenzierung der vielen Chemiepark-Standorte sorgen dafür, dass Kunden passende Leistungen zu marktgerechten Preisen erhalten. Damit erhält die Branche im Anlagenumfeld die Planungssicherheit und Unterstützung, die im täglichen Geschäft erforderlich sind. Das Konzept der Chemieparks hat in den vergangenen Jahren entscheidend dazu beigetragen, die deutsche Chemieindustrie im internationalen Vergleich noch wettbewerbsfähiger zu machen.

 

Über den Autor

Dr. Ernst Grigat schloss sein Studium der Chemie an der Universität Köln im Jahr 1990 mit der Promotion ab. Nach verschiedenen Positionen in der Chemieindustrie wurde er 2007 bei der Currenta GmbH & Co. OHG Leiter des CHEMPARK Leverkusen sowie des Geschäftsfelds CHEMPARK-Management. In der Folgezeit übernahm er auch die Leitung der CHEMPARK-Standorte Dormagen und Krefeld-Uerdingen. Grigat wurde im März 2013 von der Vollversammlung der Initiative ChemCologne e. V. zum Vorstandsvorsitzenden des Vereins gewählt.

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