29Oktober2013

Chemieparks – vom Erfolgsmodell zum Exportschlager

Manchmal stellt sich eine schwierige Situation im Nachhinein als glückliche Fügung heraus. Dies gilt auch für die großen deutschen Chemiestandorte, die in der Krise ihr Gesicht verändern mussten, um anschließend den Boden für neues Wachstum zu bilden. Ohne das Erfolgsmodell der Chemieparks hätte die heimische Prozessindustrie ihren Vorsprung kaum halten können.

Andere Länder haben billige Arbeitsplätze, viel Platz, flexible rechtliche Rahmenbedingungen, wenig Bürokratie, reichlich Rohstoffe oder Energie im Überfluss – Deutschlands Chemiebranche hat einen anderen Standortvorteil: die Chemieparks. Aus der Not heraus mussten Konzerne einst ihr Gelände und ihre Dienstleistungen für andere Firmen öffnen – mit Erfolg. Keine Frage: Ein etablierter Standort bietet optimale wirtschaftliche Rahmenbedingungen, erschlossene Flächen mit chemietypischer Infrastruktur, umfassende Services, Unterstützung bei der Ansiedlung sowie ein professionelles Management des Parks. Durch die Auslagerung der unterstützenden Prozesse können sich Investoren auf die Entwicklung ihres Kerngeschäfts konzentrieren. Dass der Chemiepark gleichzeitig wie ein Magnet auf Fachkräfte wirkt, ist ein weiterer Trumpf.

Allerdings besteht immer auch das Risiko, sich vom »bunten Blumenstrauß« an Dienstleistungen und potentiellen Vorteilen ablenken zu lassen. Auch in einem Chemiepark müssen Investoren vorab gründlich prüfen und aushandeln, welche Services sie tatsächlich benötigen. Nicht jeder Standort eignet sich für alle Aufgaben gleichermaßen gut, und die Vorteile des Chemiepark-Modells muss man sich durch Umlagen, etwa für Betriebsschutz und Betriebssicherheit, erkaufen. Hinzu kommt, dass die einzelnen Standorte eine eigene »chemische Tradition« haben. Dies betrifft vor allem den Stoffverbund, den aus der Perspektive der Produktion wesentlichen Vorteil des Modells. Können Unternehmen die vor Ort vorhandenen Ausgangsmaterialien günstig in den eigenen Prozess einbinden, ohne sie extra zukaufen und anliefern zu müssen, rentiert sich bisweilen sogar ein Umzug der Anlage.

Alternativen zu einem Chemiepark gibt es in Deutschland heute bei einer großen Anlage kaum noch. Dennoch lohnt es sich, trotz der überzeugenden Argumente der Betreiber bei der Auswahl genauer hinzusehen und Vorteile gegen eventuelle  Nachteile genau abzuwägen. Plug and play in der Prozessindustrie ist eine verlockende Idee und möglich – angesichts der vielen Abweichungen im Detail ist es aber selbst in einem Chemiepark nicht immer in vollem Maße umsetzbar. Dennoch bleibt unter dem Strich ein weltweit anerkanntes Erfolgsmodell.

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