21Juni2013

Die Karten wurden neu gemischt

Disruptive Technologien verändern gewachsene Strukturen und Wertschöpfungsketten innerhalb kürzester Zeit. Am Beispiel des Schiefergas-Booms in den USA zeigt sich: Der Aufschwung in einer Region kann die Konsolidierung in einem anderen Land beschleunigen. Veraltete Anlagen sind keine solide Basis, um rasch auf neue Bedrohungen und Chancen zu reagieren. Nur Flexibilität, Effizienz und Time to Market in der Produktion sichern den Fortbestand.

In den vergangenen Jahren hat sich in den USA eine Energiewende vollzogen – weg von den Energieimporten und hin zu einer positiven Handelsbilanz. Durch das Anbohren, Aufbrechen (»Fracking«) und das Sammeln von Gasen und Ölen, die in tiefen Gesteinsschichten eingeschlossen waren, sind die Vereinigten Staaten auf dem Weg, der größte Gas- und Ölerzeuger der Welt vor Russland und Saudi-Arabien zu werden. Der mit dem Trend verbundene Preisverfall wirkt sich direkt auf die Chemieindustrie und das produzierende Gewerbe in den USA aus, die Erdgas als Rohmaterial und Energiequelle nutzen. Angeblich stehen Investitionen von 80 Milliarden Dollar in über 100 Projekten an: für neue Produktionsanlagen, Erweiterungen bestehender Betriebe und sogar für die Reaktivierung stillgelegter Werke. Laut einer Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC) wird der Schiefergaseffekt bis 2025 eine Million Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie schaffen. Zudem könnten die US-Unternehmen bis dahin jährlich über zehn Milliarden Dollar einsparen. Viele Unternehmen aus Petrochemie und Chemie sehen das vor Ort geförderte Schiefergas als Chance, die nur einmal im Leben kommt.

In Europa hingegen wird die Konsolidierung durch die Entwicklung in Übersee weiter angeheizt. Das billige Gas ist ein klarer Wettbewerbsvorteil für US-Firmen im Weltmarkt sowie für die nordamerikanischen Standorte globaler Konzerne. Der  deutsche Markt hingegen dürfte kaum profitieren: Angesichts von Genehmigungsprozessen, begrenzten Ressourcen und  Reserven sowie der sensibilisierten Öffentlichkeit wird Fracking hierzulande nicht das Ausmaß wie etwa in den USA erreichen, auch wenn das Verfahren in Teilen der Politik unterstützt wird. Zudem kam das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim zu dem Schluss, dass sich der Aufwand für Fracking in der EU bei den aktuellen Gaspreisen überhaupt nicht lohnen würde.

Allerdings ist Fracking ein Signal für die heimische Industrie, ihre Produktion wirtschaftlich zu planen, zu betreiben und zu verbessern. Längst abgeschriebene Industriedenkmäler sind nicht mehr zeitgemäß, sie werden im europäischen Wettbewerb kaum bestehen können. Wenn in den USA mit billigem Schiefergas die Karten neu gemischt werden, müssen wir uns in Europa darauf besinnen, das Beste aus unseren Anlagen herauszuholen. Optimierungspotential bei Qualität und Quantität ist ebenfalls ein Rohstoff, der den Markt nachhaltig verändern und prägen kann – zu unseren Gunsten.

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