24November2011

Diese Päckchen sind schon gepackt: Generalunternehmer und Generalplaner

Kurze Time to Market, möglichst geringe Investitionshöhe, optimaler Budgeteinsatz, hochwertige Komponenten, lückenlose Planung, zuverlässige Projektorganisation, reibungslose Inbetriebnahme, schnelle Umsatzgenerierung – der Wunschzettel ist lang, nun stellt sich die Frage, welches Paket Ihre Erwartungen erfüllt.

Nach einer Zeit, in der der chemischen Industrie absolut nichts geschenkt wurde, bot 2011 endlich wieder Grund zur Freude. Ob Marketing, Supply-Chain-Verantwortliche, Anlagenbetreiber oder Planungseinheiten – allen bescherte die Konjunktur reichlich Potential.

Typisch für das »Auf« nach dem »Ab« im Konjunkturzyklus: der überall spürbare positive Antrieb und die freigesetzten unternehmerischen Kräfte. Und so war das erhöhte Aufkommen akuter Vorplanungs- und konkreter Investitionsprojekte eigentlich keine Überraschung. Projekte, die lange auf Hold gesetzt waren, erhielten kurzfristig ihre Freigaben und sollten im Handumdrehen umgesetzt werden – ein allzu menschliches und auch allzu unternehmerisches Vorgehen.

Jeder Investor stand vor der Frage: Wie kann ich die Zeitspanne, bis ich mein Produkt auf den Markt bringe, möglichst kurz halten, dabei aber gleichzeitig eine kosteneffiziente, hochwertige und sichere Anlage bauen? Beauftrage ich einen Generalunternehmer oder arbeite ich mit einem Generalplaner?

Wer erfüllt alle Ihre Wünsche?
Wenn Sie sich schon einmal für das eine oder für das andere Paket entschieden
haben, wissen Sie, was drinsteckt und was nicht. Die folgende Gegenüberstellung bietet noch einmal Einblicke, die vielleicht nicht zu erfüllende Erwartungen und unerwünschte Überraschungen vermeiden.

Als Grundlage gehen wir von einer derzeit »typisch deutschen Investition« aus:

  • 10 bis 100 Millionen Euro Investitionskapital
  • Individualanlage nach kundeneigenem Verfahren (evtl. entwickelt aus einer bereits existierenden Anlage, d.h. ohne zusammengefasste Dokumentation aller aufgelaufenen Optimierungen)
  • Ausführungszeitraum vom Beginn der Planung bis zum ersten Produkt: 14 bis 20 Monate
  • Vorhandene Ressourcen: Worst Case – der Betriebsleiter ist gleichzeitig Projektleiter und steht mit dem Einkauf alleine da. Best Case – es gibt eine Projektleitung, für jede Disziplin einen verantwortlichen Ingenieur und eine Einkaufsorganisation.
  • Nach dem Basic Engineering ist noch ein Haltepunkt mit finaler Investmententscheidung vorgesehen.

Der Generalunternehmer

Das standardisierte Rundum-sorglos-Paket
Sicherlich wünschen Sie sich, von einem renommierten Generalunternehmer des Anlagenbaus möglichst schnell ein Angebot auf Grundlage aller Spezifikationen zu erhalten und sich zeitnah über Vertragsinhalte und Preise zu einigen. Sie hätten dann in kürzester Zeit und aus einer Hand einen verbindlichen Preis und Terminplan, ein professionelles Projektmanagement, eine umfangreiche Gewährleistung sowie eine umfassende Haftung und könnten gleich mit dem Anlagenbau durchstarten. Alles wäre ganz einfach. Ist es aber nicht.

Die deutliche Mehrheit der Investitionen in verfahrenstechnische Anlagen in Deutschland bilden Individualanlagen – ebenso individuell und extrem unterschiedlich sind auch die Spezifikationen. Die meisten Generalunternehmer sind aber nicht so aufgestellt, dass diese Leistung innerhalb des Komplettangebots erbracht werden kann. Auch lässt der Kostendruck der letzten Jahre derart umfangreiche Vorarbeiten mit dem Risiko der Nichtbeauftragung kaum zu. Solche Angebote werden nur dann gelegt, wenn die Vorableistung zusätzlich in Auftrag gegeben wird. Da aber drei Angebote für einen entsprechenden Vergleich sinnvoll und notwendig sind, ist dieses Vorgehen für einen Kunden keine Option. Die Vorplanungsleistung muss in der Regel vom Kunden selbst durchgeführt werden. Es gilt aber nicht nur, detaillierte und lückenlose Anlagenspezifikationen zu erarbeiten, sondern auch das Verfahren dem Generalunternehmer nachvollziehbar zu vermitteln, damit er dieses bewerten und in eine kalkulierbare Anlagendokumentation umsetzen kann.

Eine Spezifikation einer gesamten Anlage zu Papier zu bringen – damit Sie Bestandteil des GU-Vertrags wird – erfordert viel Zeit. Noch dazu kommt der Zeitraum von der Bewertung des Generalunternehmers über die Entwicklung eines Vertragsdokuments bis hin zur gemeinsamen Verabschiedung von drei bis neun Monaten – je nach Projekt sogar noch länger. Und so vergeht vor Projektbeginn bereits viel Zeit.  

Zu erwähnen ist auch, dass eine Individualanlage auf Basis eines eigenen Verfahrens des Kunden den Umfang der Gewährleistung maßgeblich abschwächt. Eine verfahrenstechnische Gewährleistung kann es in diesem Falle nicht geben, sie ist lediglich auf den mechanischen und rein funktionalen Teil beschränkt.

Nicht so dominant sind weitere, Punkte die aber ebenfalls Entscheidungskriterien darstellen:

  • aufwendiges Änderungsmanagement im GU-Verhältnis
  • wenige Haltepunkte für notwendige »decision gates«
  • bei einer Behördengenehmigung aufgrund notwendiger Änderungen entsteht ein weiterer schwieriger Haltepunkt, der vertraglich geregelt werden muss

Der Generalplaner

Das persönliche Päckchen-Sortiment
Stellen Sie sich Ihr Traumhaus vor. Und nun beschreiben Sie es. Ein guter Architekt wird Sie verstehen und einen Entwurf skizzieren, der Ihnen grundsätzlich erst einmal zusagt. Danach erarbeiten Sie gemeinsam die Raumaufteilung und planen die notwendigen Funktionalitäten. Und wenn dann der Bauantrag durch ist, kann sogar schon der erste Spatenstich erfolgen – selbst wenn Sie nicht wissen, ob die Fenster aus Kunststoff, Holz oder einer Holz-Alu-Kombi sein sollen, und auch noch lange nicht feststeht, welche Bodenbeläge Sie sich wünschen. So in etwa könnte man auch die Arbeitsweise des Generalplaners beschreiben.

Der Generalplaner plant und spezifiziert die Anlage, er übernimmt aber auch – wie ein Architekt, der die Bauleitung mitmacht – die Gesamtkoordination von der Planungsphase über die Liefer- und die Bauphase bis hin zur Inbetriebnahme. So kann die Projektarbeit bereits beginnen, bevor alle Detailentscheidungen getroffen sind. Vorgaben und Wünsche lassen sich noch sukzessive aufnehmen und in eine Planungsdokumentation umsetzen. Dies verkürzt die Zeitspanne zwischen Planungsphase und Projektbeginn signifikant. Terminvorgaben können zusätzlich in den Vertrag mit dem Generalplaner aufgenommen werden.

Eine weitere Stärke des Generalplaners liegt im Projektmanagement, dessen Organisationsstruktur alle Belange und Vorgaben des Kunden berücksichtigen kann – auch wenn Sie sich während der Projektumsetzung verändern. Dies wird gewährleistet, indem verschiedene Haltepunkte festgelegt werden – wie beispielsweise für das Management oder die Genehmigungsbehörde, für Optimierungsschleifen, wenn die Anlagenprojektierung noch nicht abgeschlossen ist, die Integration von einzelnen Know-how-Trägern des Kunden in das Projektteam und, und, und …

Generalunternehmer und GeneralplanerSignifikant ist auch der optimierte Budgeteinsatz. Dies schlägt sich bereits beim Einkauf nieder: Der Generalplaner erstellt die technischen Spezifikationen für alle Vergabepakete, aber das Vertragsverhältnis wird vom Kunden eingegangen – entsprechend wird ihm auch der Verhandlungserfolg in Form des gesparten Budgets zuteil. Einsparungen an der einen Stelle können an anderer Stelle eingesetzt werden und führen so ganzheitlich betrachtet zu einem ergebnisorientierten Preis-Leistungs-Verhältnis.

Bei guter Datenlage kann eine Generalplanung in der Vorplanung oder in der Ausführung als EPCM (Engineering, Procurement und Construction-Management) auch im Festpreis angeboten werden. Die Realität zeigt aber, dass dies aus Zeitgründen oder aufgrund der vorhandenen Daten manchmal nicht mehr möglich ist – dann könnte aber immer noch phasenweise oder paketweise nach Aufwand im Festpreis gearbeitet werden. Aber auch wenn die Projektsumme als Ganzes nicht vertraglich abgesichert ist – die beim GU allerdings undifferenziert auf mittleren Standardwerten beruht –, stellt die Möglichkeit, Einkaufserfolge zu realisieren und damit das Budget für weitere Projektoptimierungen einzusetzen, einen entscheidenden Vorteil des Generalplaners dar.

Bei allen Vorteilen bleibt im Sinne der Vollständigkeit aber zu erwähnen, dass die Gewährleistung in Gänze vom Generalplaner nicht erhältlich ist, da er nur mit der geringen Planungssumme beauftragt wird. Der Generalplaner kann für den Kunden aber ein individuelles Gewährleistungspaket bei den Komponentenlieferanten erstellen, das die mechanischen Gewährleistungen voll abdeckt. Auch kann der Generalplaner eine verfahrenstechnische Gewährleistungskette aufbauen. Für die funktional richtige Planung gewährleistet er sowieso.

Schnelligkeit und Können im Paket
In der derzeitigen Lage der deutschen »verfahrenstechnischen Industrie« erfreuen sich Generalplanungspakete immer größerer Beliebtheit. Denn: Deutsche Produkte sind sehr speziell. Das macht uns am Weltmarkt so stark und bietet Einzeldienstleistern attraktive Marktbesetzungspotentiale. Immer kürzere Produktzyklen und immer komplexere Verfahren verlangen nach potenten und übergreifend fähigen Generalplanern. Denn für Generalunternehmer sind die Produktionsverfahren zu individuell – und die Commoditys-Anlagen sind bereits gebaut. Allerdings muss der Generalplaner schnell und zuverlässig agieren können. Dafür muss er weitestgehend alle Gewerke im Hause verfügbar haben, um die Schnittstellen professionell und sicher zu handhaben. Er muss Projektmanagement als Disziplin verstehen. Die Prozesse müssen auf den Anlagenbau ausgerichtet sein. Und der Generalplaner muss – für Investitionen in den eingangs genannten Größenordnungen – die notwendige Größe besitzen.

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